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Die Wallfahrt im Spiegel der Presse

Kirchenbote 27 (6.7.1986):

Wir schlafen heute nacht auf Luftmatratzen

Über 250 000 Menschen besuchen jährlich die kleine münsterländische Stadt Telgte an der Ems. Sie finden dort Erholung, fernab von der Industrie und Großstadtlärm, genießen die schöne Flußlandschaft und bewundern die historischen Gebäude im Stadtkern. Berühmt geworden ist Telgte aber durch sein legendenumwobenes Gnadenbild der schmerzhaften Gottesmutter. Seit 500 Jahren pilgern hilfesuchende Menschen mit ihren Sorgen und Nöten zu diesem Marienbild. Telgte ist also eine wallfahrterprobte Stadt. Doch es ist jedes Jahr etwas besonderes, wenn in den ersten Julitagen rund 7000 Pilger aus dem Osnabrücker Land und ungezählte Schaulustige die Stadt bis an den Rand füllen. Das meint auch Familie Decker, denn für sie bedeutet das: "Wir schlafen heute nacht auf Luftmatratzen".

"Macht ihr das etwa immer noch? Ihr seid ja verrückt!" Dies und ähnliches bekommen Heinz und Anni Decker immer wieder zu hören. Sie gehören zu jenen Familien in Telgte, die jedes Jahr einige Osnabrücker Wallfahrer, die den weiten Weg von rund 40 Kilometer zu Fuß zurückgelegt haben, für eine Nacht unentgeltlich bei sich aufnehmen.

"Die letzten Male waren immer acht bis zehn Pilger bei uns", erzählt Heinz Decker. Er besitzt gemeinsam mit seinem Burder ein kleines Eisenwarengeschäft. "Wenn die Samstag nachmittags hier ankommen, dann gibt es erst einmal Kaffee und später ein deftiges Abendbrot", ergänzt seine Frau Anni. Sie ist 54 Jahre alt und Mutter von vier Kindern. Und wo schlafen die vielen Gäste? "Die schlafen in unseren Betten und auf einigen Liegen. Wir selbst schlafen dann auf Luftmatratzen – irgendwo", sagt sie, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Warum tun sie das? Warum nehmen die Deckers diese Unannehmichkeiten auf sich? Warum sorgen sie dafür, daß ihre Gäste sich in ihrer Wohnung wie zu Hause fühlen, ohne eine Mark dafür zu verlangen? Was bedeutet ihnen die Osnabrücker Wallfahrt?

"Die Osnabrücker Wallfahrt ist für uns Telgter wirklich ein Ereignis. Alle die den Einzug der Wallfahrer einmal mitgemacht oder miterlebt haben, sind einfach begeistert", meint der Eisenwarenhändler etwas schwärmerisch. "Ich glaube, so wie der Sommer zum Jahr gehört, so gehört die Wallfahrt nach Telgte zu den Osnabrückern", sagt er. "Und weil wir wegen unseres Geschäftes nicht selbst mitgehen können, nehmen wir einige Pilger bei uns auf", meint seine Frau.

Doch es sind nicht nur die eigene Begeisterung und die Sympathie für die fußkranken Beter, die die Deckers veranlassen ihre Wohnung einmal im Jahr für eine Nacht in eine Zufluchtsstätte für Obdachsuchende umzuwandeln. "Wir machen das jetzt schon seit 33 Jahren so und vorher hat meine Schwiedermutter es genauso gemacht", sagt Anni Decker.

Die Tradition, Pilger in den Familien aufzunehmen, ist in Telgte sehr alt und war früher viel weiter verbreitet als heute. Als die ersten 700 Wallfahrer aus Osnabrück 1852 Telgte erreicht hatten, waren sie gezwungen, die Nacht dort zu verbringen. Sie hatten nicht die Möglichkeit, abends noch mit dem Privatwagen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Osnabrück zurückzufahren, wie es heute der Fall ist. Also suchten sie sich einen Schlafplatz in Sammelunterkünften oder bei gastfreundlichen Familien. So ist es lange geblieben.

"in den schlechten Zeiten der zwanziger Jahre war die Telgter Bevölkerung sogar froh, wenn die Pilger bei ihnen übernachteten", erzählt Heinz Decker. Die Menschen in Telgte waren damals sehr arm. Die meisten lebten von etwas Landwirtschaft und einer kleinen Viehzucht. Bargeld gab es kaum in der Stadt. "Da liefen sie auf der Straße hinter den Wallfahrern her, um sie zu sich einzuladen. Bei meinen Eltern gab es dann die ersten frischen Kartoffeln mit Erbsen, Möhren und Bratwurst. Und manch ein Familienvater hat mit seinen Kindern auf dem Heuboden geschlafen, um die Betten für die Pilger frei zu machen", erinnert er sich. Die Wallfahrer bedankten sich für die Gastfreundschaft unaufgefordert mit einer kleinen Geldspende.

"Das ist heute noch genauso", betont Anni Decker. "Bevor unsere Gäste uns verlassen, geht einer herum und sammelt. Einen festgesetzten Preis gibt es nicht, und ich fordere auch nichts. Von dem Geld, das sie mir geben, bestreite ich nur die Unkosten."

Die Deckers sind fest entschlossen auch in Zukunft Osnabrücker Pilger bei sich aufzunehmen, zumal einige von ihnen schon echte "Stammgäste" sind. Sie befürchten nur, daß sie der letzten Generation angehören, die diese Tradition aufrechterhält. "Das liegt daran, daß die Leute heute zu bequem sind und vor der Arbeit zurückschrecken", meint Anni Decker. "Und dabei wäre mit etwas gutem Willen doch einiges zu machen." Sie und ihr Mann freuen sich jedenfalls auf ein Wiedersehen mit den "alten Bekannten" aus den vergangenen Jahren.

"Alte Bekannte" werden in Zukunft wieder mehr Telgter Familien unter den Osnabrückern wiederentdecken. Es müsse wohl an den großen Sympathien liegen, die auch junge Telgter der Wallfahrt entgegenbringen, daß die Zahl der Gastfamilien in der letzten Zeit gestiegen sei, meint Tona Hölscher vom Telgter Verkehrsamt. So werden auch in diesem Jahr wieder ungefähr 2000 Pilger ihre private, ganz persönliche Unterkunft finden. Theo Trienen

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