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Die Wallfahrt im Spiegel der PresseKirchenbote 1995: "Wenn die Zeit kommt, dann zieht es einen einfach nach Telgte hin".6800 Pilger bei der 143. Osnabrücker Telgter Wallfahrt / Zwei Drittel Jugendliche O Maria, hilf uns all, hier in diesem Erdental". Laut schallt der Ruf durch den Morgen. Eine bunte Menschenmenge zieht singend und betend die Bundesstraße 51 entlang von Osnabrück in Richtung Telgte. Junge und Alte, Kinder und Jugendliche, Gesunde und Kranke, mit Sonnenhut, Baseballkappe und Rucksack, Kruzifixen, Fahnen und Bannern. Sie sind auf dem Weg zum "Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter" im münsterländischen Marienwallfahrtsort Telgte. Bereits um drei uhr morgens sind die ersten 700 Pilger unter dem diesjährigen Motto "Jesus Christus, Versöhnung und Friede" in Osnabrück aufgebrochen. Auf dem Weg nach Telgte schließen sich immer mehr Frauen, Männer und Gruppen den Wallfahrern an. Eine der insgesamt 6800 Pilger der zweitgrößten Fußwallfahrt Deutschlands ist Anna Schürmeyer aus Kloster Oesede (Georgsmarienhütte). Während der Rast an der Wallfahrtsklause von Oedingberge sitzt die 68jährige am Straßenrand; die Schuhe hat sie ausgezogen. Seit 1946, erzählt sie, gehe sie "bei Wind und Wetter" den 45 Kilometer langen Weg nach Telgte und wieder zurück. Nur für die Kinder habe sie ein paar Jahre lang ausgesetzt. "Wenn die Zeit kommt, dann zieht es einen einfach nach Telgte hin. Das ist wie eine Sucht", sagt sie. "Wenn ich ankomme habe ich zwar Muskelkater, die Beine sind schwer, und die Füße brennen. Aber wenn ich dann vor der Muttergottes stehe und die Hand auf ihre Füße lege, dann ist das so, als ob ich eine gewisse Kraft erfahre". Während sich die Pilger an der Klause von Oedingberge am schattigen Waldrand ausruhen, predigt Kaplan Stephan Burghardt aus Lingen, St. Bonifatius, über das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Bei den Sanitätshelfern des Malteser-Hilfsdienstes (MHD) und des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) herrscht bereits reger Andrang. Blasen werden aufgestochen, Waden massiert, Muskeln aufgelockert. "Vieles ist zunächst reine Vorsorge, damit die Verspannungen gar nicht erst auftreten, so Thomas Sellmeier vom MHD in Georgsmarienhütte. "Man merkt aber schon, daß sich viele Menschen bei dem heißen Wetter schneller und mehr Blasen laufen als sonst". Blasen bei über 30 Grad HitzeAm Wochenende wurden Werte von über 30 Grad gemessen. Nach der knapp einstündigen Pause in Oedingberge geht es bei stechender Hitze weiter nach Ostbevern. Die lange gerade Strecke macht vielen Pilgern zu schaffen. Unterwegs beten sie den Kreuzweg. In den dreiminütigen Pausen zwischen den Liedern und Gebeten werden Neuigkeiten ausgetauscht. "Es gibt Menschen, die treffe ich jedes Jahr nur auf der Telgter Wallfahrt". Ira Huning (20) aus Wellendorf nimmt gemeinsam mit ihren Freundinnen Martina Spreckelmeyer (20) und Barbara Gorgs (23) seit ihrer Kindheit an der Wallfahrt teil. Während der letzten Pause in Ostbevern läßt sie sich die ersten Blasen an den Füßen aufstechen und Druckstellen versorgen. "Blasen gehören dazu", lacht sie mit verschwitztem Gesicht. Die nehme sie für die "tolle Atmosphäre" in Kauf. "Es ist doch einzigartig, daß so viele Leute zusammen beten und singen. Wie in einer großen Familie". Den Zusammenhalt unter den Pilgern betont auch Karlheinz Schomaker, seit neun Jahren technischer Leiter der Wallfahrt. Zwei Drittel der Teilnehmer seien Jugendliche. "Für viele ist es heute nicht einfach, fast 50 Kilometer am Stück zu laufen. Die Gemeinschaft untereinander hilft ihnen aber über den toten Punkt hinweg. Dieses Gefühl erfährt man heute nicht mehr allzuhäufig". Auch alte Traditionen hätten heute bei Jugendlichen wieder einen höheren Stellenwert. In Ostbevern ist Mittagspause. Wirtshäuser und Gaststätten, aber auch die Sanitätsstation sind überfüllt. Stärkung für die letzten Kilometer zur Gnadenkapelle. Zehn Polizisten von der Dienststelle in Georgsmarienhütte sind an diesem Wochenende im Einsatz, um den zwei Kilometer langen Wallfahrtszug zu begleiten, die Straßen abzusperren und den Verkehr umzuleiten. Von Bad Iburg an wird die Bundesstraße 51 abschnittsweise voll gesperrt. "Für uns ist das eine ziemlich einmalige Sache", so Johannes Kasselmann, lange Jahre Einsatzleiter der Telgter Wallfahrt. "In der Größenordnung haben wir hier sonst keine Veranstaltung oder Prozession, die den Verkehr so behindert". Auch für das Pfarramt in Telgte ist die Osnabrücker Wallfahrt, die 1852 von 700 Laien ins Leben gerufen wurde, die größte im Jahr. Freie Unterkünfte kann das örtliche Verkehrsamt an diesem Wochenende nicht mehr anbieten. Besinnung vor der GottesmutterIn Telgte angekommen, werden die Wallfahrer von den Einwohnern und Propst Heinrich Tietmeyer begrüßt. "Die letzten Kilometer sind vielen Pilgern bei der Hitze doch schwergefallen", so Karlheinz Schomaker. Die Wasserstände, die einige Telgter auf den letzten Kilometern am Straßenrand aufgebaut hatten, seien "eine richtige Oase" gewesen. Doch auch die jüngsten Pilger, Gregor Meier (7) und Daniel Plattner (9) aus Sutthausen, hätten durchgehalten. Jetzt ist Zeit für Besinnung und Andacht vor der Gottesmutter. Abends setzen sich die Wallfahrer noch ein wenig zusammen. Bevor die Pilger am nächsten Morgen mit dem alten Wallfahrtslied "O Mutter Gottes, segne die scheidenden Kinder" wieder aufbrechen, gibt ihnen Weihbischof Theodor Kettmann Denkanstöße mit auf den Weg. Friede, so Kettmann zum Wallfahrtsthema, umfasse vier Bereiche: "Das Verhältnis zu Gott, zum Mitmenschen, zur Schöpfung und zu mir selbst". Der Friede mit der Schöpfung beispielsweise habe immer auch etwas mit "meinem alltäglichen Verhalten" zu tun: "Wie ich mit dem Hausmüll umgehe, mit dem Wasser, ob ich eine kurze Wegstrecke zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklege oder wie selbstverständlich ins Auto steige". Auch ein geordnetes Zusammenleben sei ohne die Bereitschaft zum Frieden und zur Versöhnung nicht möglich. Ehe und Familie, Schule und Betrieb, Nachbarschaft und Kirchengemeinde seien Lernfelder alltäglicher Friedensbemühungen. "Es ist mein tiefer Wunsch", betonte der Weihbischof, "daß die diesjährige Telgter Wallfahrt Sie alle wieder aufschließt für diesen vierfachen Frieden". Friede in seiner ganzen Fülle sei in unserer Welt nicht zu haben. "Deshalb sind wir erst recht berufen und herausgefordert, ihn Stück für Stück zu verwirklichen. Astrid Heimermann |