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Die Wallfahrt im Spiegel der PresseKirchenbote 9/1998: Betrachten wir einander mit den Augen von Freunden.Eindrücke von der 146. Telgter Wallfahrt Samstagfrüh, 4.30 uhr. Wie eine Laola-Welle schwappt das "O-O-O Maria!" von hinten nach vorne durch den Pilgerzug, als die Telgter Wallfahrer in Oesede eines ihrer sieben Wallfahrtslieder singen. Manche sind bereits um drei Uhr an der Stadtgrenze von Osnabrück beim Johannisfriedhof gestartet, andere kommen wenig später dazu. Wie zur Begrüßung wird auch der leichte Nieselregen auf einmal kräftiger, doch alle haben Schirme und Regenkleidung dabei und lassen sich ihre Stimmung nicht verderben. Zum 146. Mal startet die große Fußwallfahrt über 48 Kilometer von Osnabrück nach Telgte und zurück. Diesmal steht sie unter dem Motto der Feiern zum 350. Jubiläum des Westfälischen Friedens, "Gottes Friede an jedem Ort", und es nehmen so viele Gläubige daran teil wie schon seit Jahren nicht mehr: 8000 werden am Samstagabend beim Einzug in Telgte gezählt, 8 500 sogar am frühen Sonntagmorgen, als der Weg von Telgte zurück nach Osnabrück beginnt. Nach dem Wallfahrtslied die erste Weg-Litanei. Sie wende sich an Jesus Christus, den "Weggefährten der Jünger", den "verborgenen, unerkannten", den "brüderlichen und göttlichen Weggefährten". "Geh mit uns", beten die Gläubigen, als ihr Zug bergauf nach Bad Iburg führt. "Wenn wir Gott nicht mehr begreifen wenn der Zweifel an uns nagt wenn es ausweglos wird wenn unsere Augen nicht mehr weitersehen geh mit uns!" Nach und nach schließen sich weitere Wallfahrer dem Pilgerzug an. Bei der Klause von Bad Iburg gibt es die erste kurze Rast. Der Regen hat aufgehört, die Leute sortieren noch einmal ihr Gepäck. Danach weiter, Kilometer um Kilometer. Stetig wechseln sich Lieder und Gebete ab, immer mit jeweils drei Minuten Pause dazwischen. Viele der Teilnehmer sind schon seit ihrer Jugend jedes Jahr dabei, und manche sehen sich nur immer zur Wallfahrt wieder. Dabei scheinen sich Geselligkeit und Frömmigkeit in eigenartiger Weise zu mischen. Die Gemeinschaft im Beten und Wandern nennen die meisten als ein wesentliches Motiv für die Anstrengung, die sie auf sich nehmen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Telgter Wallfahrt nimmt an diesem Tag auch der Bischof von Münster am Pilgerzug teil. Reinhard Leitmann schließt sich zusammen mit Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode in Glandorf den Gläubigen an. Bei einer Andacht an der Klause in Oedingberge spricht er zu den Wallfahrern: "In unserem christlichen Glauben geht es nicht nur um eine Idee oder eine Weltanschauung, sondern um eine lebendige Person; um Jesus Christus." In Christus sei die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes erschienen. "Güte und Menschenfreundlichkeit sollten auch unsere Gesichtszüge prägen. Daran erinnert uns das Jubiläum des Westfälischen Friedens. Mögen wir einander mit den Augen von Freunden betrachten, damit Friede entsteht!" Gegen Mittag: Wolkenbruch. Unmengen von Regenwasser schüttet der Himmel auf die Pilger herab. Wer nicht richtige Wanderstiefel trägt, dem laufen die Schuhe sofort voll, und bald wird selbst unter der Regenkleidung die Wäsche feucht. "Unser Bischof läßt sich jetzt bestimmt im trockenen Begleitfahrzeug mitnehmen", mutmaßt jemand. "Stimmt nicht, ich bin hier", antwortet darauf aber Franz-Josef Bode höchstpersönlich von der Seite: "Ich werde genauso naß wie ihr!" Als der Pilgerzug am Nachmittag in Telgte eintrifft, haben Sonne und Wind längst wieder alle Wäsche getrocknet. Die Begrüßung durch die Einheimischen ist diesmal besonders freundlcih: Tausende stehen an den Straßen, und wegen des Friedensjubiläums trägt eine Abordnung das über 600 Jahre alte Telgter Gnadenbild auf dem letzten Kilometer bis zur Wallfahrtskirche mit. Auf dem kleinen Platz neben der Telgter Kirche werden am nächsten Morgen drei Gottesdienste gefeiert: Einer um 4.30 Uhr, einer um 5.30 Uhr und eine Jugendmesse mit der Jugendschola von Bad Iburg um 6.45 Uhr. Bischof Bode erklärt in seiner Predigt, daß der Friede heutzutage vor allem von innen gefährdet sei, durch Gewaltbereitschaft, Kriminalität, Egoismus. Wahrer Friede bedeute, wie Jesus Christus gesagt habe: Gott zu lieben, den Nächsten zu lieben und sich selbst zu lieben. Wallfahren sei vor diesem Hintergrund ein gemeinschaftlich gesetztes Zeichen für den größeren Gott und für den wahren Frieden, der jenen von 1648 noch haushoch übersteige. Dann ziehen die Pilger wieder aus Telgte aus, und an diesem zweiten Tag läßt der Regen nur einmal für wenige Stunden nach. Etwas kläglich klingt das "Großer Gott, wir loben dich" auf den letzten Kilometern nach Oesede. Doch als zur Schlußandacht in St. Peter und Paul alle versammelt sind, ertönt jenes Lied erneut, nunmehr fast noch kräftiger als die Orgel. Und genauso erhaben, wie es sicherlich auch im nächsten Jahr wieder ertönen wird. Konstantin Zimmer |